Allein- und Lotusgeburt, 2. Kind

Kurz zur ersten Geburt, fast 3,5 Jahre zuvor, Beginn Corona-Zeit:
geplante Hausgeburt im Pool in Mietwohnung, ab Telefonat und Kommen der Hebammen kurz vor der Geburt (Köpfchen schon fühlbar) ließen die Wehen so nach, dass etwa 16 Stunden später die Fahrt mit unserem Auto ins Krankenhaus anstand. Dort mit Wehentropf natürliche Geburt in Seitlage (mit Dammschnitt nach „Überreden“ der Hebamme, der anschließend nach mehreren Spritzen schmerzhaft genäht wurde). Die Nabelschnur sollte direkt und noch pulsierend durchgeschnitten werden, mein Mann verhinderte dies und brachte das Personal dazu, selbst den Puls an der Schnur zu fühlen: „Oh, ja!“. Bei der Geburt sollte ich eine Maske tragen, die ich zu den Wehen aber runter zog, was kommentarlos hingenommen wurde. Nach einigen Stunden wieder zuhause. Ab Blasensprung bis Geburt etwa 46 Stunden; am Kaiserschnitt „vorbeigekommen“, da sowohl die Hausgeburtshebamme als auch die im Krankenhaus deutlich späteren Blasensprung angaben.

Nun die zweite Geburt:
Die Schwangerschaft verlief unauffällig und schön, wobei ich mich noch ausführlicher als in der ersten über Schwangerschaft und Geburt informierte (Geburtsberichte, Buch „Alleingeburt“ von Sarah Schmidt) und lediglich etwa in der 14. Woche bei einer Hebamme in Deutschland zur Vorsorge war. Außer Sodbrennen und ab und zu Ziehen der Mutterbänder hatte ich kaum Beschwerden; zudem zeigte mein Körper mir gut mit Erschöpfung, wenn ich mich übernommen hatte. Kein Ultraschall, nur eine Blutabnahme zum Überprüfen einiger Werte, dabei auch keine Auffälligkeiten.
Ich bin mir während dieser Schwangerschaft aufgrund der Erfahrung der ersten Geburt bewusst geworden, dass ich die kommende Geburt allein, aber im Beisein meines Mannes erleben wollte. Das Telefonat und später die Anwesenheit der Hebammen hatten mich damals aus dem Gefühl gebracht und meinen sensiblen Geburtsprozess gestört – so meine Schlussfolgerung. Zudem hätte die Hebamme hier in der Nähe 1 bis 1,5 Stunden Anfahrt, sodass ich als Notfallplan die 20 minütige Fahrt ins Krankenhaus bevorzugte.
Die Umstände waren dieses Mal zudem besonders:
wir leben in Polen als Pioniere in einer entstehenden Natursiedlung, seit der zweiten Schwangerschaft in dem selbst gebauten Häuschen von meinem Mann: lediglich ein Raum von etwa 28m² plus einen kleinen Toilettenvorraum, fließendes Wasser gab es auch zur Geburt noch nicht, wenn es stark oder länger regnete und auch im Winter müssen wir circa 300m entfernt parken und auf einem Trampelpfad den Hügel zu unserem Land hochgehen. Ein Schlafzimmer und kleine Küche mit Dusche waren während der Schwangerschaft im Bau, zur Geburt jedoch noch nicht fertig = Baustellendurcheinander. Wir hatten meistens Strom, jedoch mit starken Schwankungen und nicht für starke Leistung ausgelegt. Geheizt und gekocht wird bei uns mit einer Küchenhexe. (Wenn du dich mehr für unser Leben interessierst, schau auf www.luleika.net vorbei.)
Ab dem errechneten Geburtstermin pausierte mein Mann die Baustelle und räumte noch soweit auf, dass auch Raum für die Geburt war ;-D. Ein (leeres) Planschbecken mit Isomatten drunter und Tüchern drin diente als Unterlage für die Geburt. Alles Weitere war schon länger in einer Kiste bereit gelegt.

Eine Woche später ging es dann los, ich kam tagsüber den Hügel nur noch mit mehreren Pausen hoch. Zeitlich perfekt und so wie ich es mir erträumt habe, aßen wir mit unserer Tochter noch zusammen Abendbrot, währenddessen tigerte ich schon immer wieder durch unser Häuschen und konnte die Wehen gut veratmen. Mein Mann brachte unsere Tochter zum Schlafen in unseren Bulli, den wir ganz nah am Haus parkten. Als er um 21 Uhr wieder rein kam, hatte die Geburt schon etwas mehr Fahrt aufgenommen – dabei zeigte mir mein Körper ganz intuitiv, welche Bewegungen ich bei den Wehen ausführen sollte. Meist war dies ein Stützen auf den Ofen, oft mit Beinschaukeln, manchmal ein Gehen durch den Raum, tönen und summen. Ich wurde sehr müde, da ich die Nächte zuvor zu wenig geschlafen hatte. Ich probierte, zwischen den Wehen auf dem Bett zu schlafen, kam jedoch nicht schnell genug zur nächsten Wehe hoch – und schon wurde diese ziemlich schmerzhaft. Also auf den Beinen bleiben! So hatte ich intensive, aber immer noch gut auszuhaltende Wehen.

Während der ganzen Geburt schaute ich nur ein Mal auf die Uhr: ich las 00:00 Uhr, konnte noch ein: „Herzlichen Glückwunsch!“ zum Geburtstag meines Mannes sagen, dann wurden die Wehen so intensiv, dass Reden so gut wie nicht möglich war. Bis dahin hatte sich mein Mann auf meinen Wunsch im Hintergrund gehalten. Dann aber wollte ich ihn bei mir haben. Er setzte sich auf einen Stuhl und ich habe mich auf ihn stützen können – in verschiedenen Positionen, so wie es mein Körper brauchte. Für etwa 1,5 Stunden wurde es nun sehr intensiv, ich tönte, schrie und ließ diese unglaublich starken Urkräfte in mir walten. Ich presste und krallte mich an meinen Mann, er hielt mich und den Raum für uns. Ich wusste später nicht einmal mehr, dass mich mein Mann am Rücken massiert hatte :-D. Ich hatte seine Rolle vor der Geburt bewusst offen gehalten, auch mit der Option, den ganzen Prozess zwar in Anwesenheit von ihm, aber dennoch allein zu erleben. Mir war es an erster Stelle wichtig, mich selbst mit meinen Bedürfnissen zu spüren. Intuitiv war die Nähe in der letzten Phase dann genau richtig.
Zwischendurch fühlte ich mit der Hand, ob das Köpfchen schon durch den Muttermund gekommen ist. Dieser war jedoch noch nicht geöffnet und ich rechnete damit, dass es noch länger dauerte. Es kam aber auch der Moment, in dem ich dachte: Jetzt möchte und kann ich nicht mehr! Gut, dass ich wusste, dass es jetzt wohl nicht mehr lange dauern wird.
Dann ging – anders als bei der ersten Geburt – eine Wehe in die nächste über, ich musste jede Gelegenheit zum kurzen, kräftigen Durchatmen nutzen. Ich gab dem starken Pressdrang nach und das Köpfchen kam schon mit nur einer Wehe heraus. Die Fruchtblase platze dabei – auch wieder ganz anders als bei der ersten Geburt.

Was für eine tiefe Freude überkam mich, doch ich konnte nur schnell Luft holen und meinem Mann nicht sagen, dass der Kopf schon geboren ist. Der sah das von seiner Position aus nicht, zudem hatten wir mit nur einer Kerze sehr schummeriges Licht. Die nächste Wehe war sofort da und mit dieser gebar ich unsere zweite Tochter in meinen Arm. Sie weinte kurz, ich legte mich mit ihr nackig ins Bett, legte sie an die Brust. Die Nabelschnur ließen wir heil, in den letzten Wochen hatte ich mich für eine Lotusgeburt entschieden. Mein Mann holte unsere schlafende Große um circa 4 Uhr aus dem Auto zu uns ins Bett und wir konnten die ersten Momente zu viert genießen, uns erholen, die kleine Schwester bestaunen, etwas schlafen. Es kamen kräftige Nachwehen, besonders beim Stillen, doch die Plazenta ließ sich Zeit. Ich probierte in der Hocke vorsichtig an der Nabelschnur zu ziehen, doch auch so wollte sie noch nicht kommen. Nach acht Stunden riefen zur Sicherheit wir eine befreundete Doula an, die auch im medizinischen Bereich erfahren war. Kein Problem, solange es mir gut gehe, ich kein Fieber oder andere Auffälligkeiten habe. Zwölf Stunden nach der Geburt kam die Plazenta dann ganz leicht heraus, auf der Toilette. Bis dahin war das Positionieren unserer neugeborenen Tochter für mich etwas herausfordernd, da wir ja über die Nabelschnur noch verbunden waren. Doch es hat sich gelohnt. Am vierten Lebenstag löste sich die Nabelschnur und der Nabel verheilte schnell und gut. Am zehnten Tag nach der Geburt kam noch eine Hebamme hauptsächlich für die Formalitäten, sie bestätigte aber auch nach kurzer Untersuchung, dass bei uns Beiden alles in Ordnung sei, unser Mädchen hatte schon 400g zugenommen. Der Dammriss bei mir sehe gut aus und verheile. Die Schnittnaht der ersten Geburt war wieder aufgerissen und ist nun aber viel besser auf natürliche Weise verheilt als nach dem Nähen damals.

Auch wenn die Umstände nicht gerade leicht waren, war es meine und unsere Traumgeburt und wir sind so glücklich und dankbar, diese so wunderbar und auf unserem Land erlebt haben zu können, noch dazu konnte ich so meinem Mann ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk machen :-). Für mich war eine Alleingeburt genau das Richtige.
Zwei Wochen danach baute mein Mann wieder an unserem Anbau weiter und wir hatten ab dann für einige Wochen fast durchgehend Besuch von Familie und Freunden, die fleißig mit anpackten. Vier Monate nach der Geburt konnten wir die neuen Räume beziehen. Unsere kleine Tochter wächst und gedeiht sehr schön, sie ist eher ruhig und lacht sehr gerne.

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